Die Kunst des Stolperns:

Warum Scheitern der Schlüssel zum Unternehmenserfolg ist

In einer Welt, die von Leistung und makellosem Erfolg besessen ist, gilt Scheitern oft als Makel, als etwas, das man tunlichst vermeiden sollte. Doch was, wenn diese Denkweise nicht nur falsch, sondern sogar hinderlich für Innovation und Fortschritt ist? Was, wenn Scheitern nicht das Ende, sondern der Beginn von etwas Großartigem ist? Unternehmen stehen heute vor der gewaltigen Aufgabe, sich ständig neu zu erfinden und anzupassen. Die Lösung dafür liegt in einem Paradigmenwechsel: die bewusste Akzeptanz und sogar die Förderung des Scheiterns als essenzieller Bestandteil des Erfolgs.

Die Kunst des Stolperns: Warum Scheitern der Schlüssel zum Unternehmenserfolg ist

Eine archaische Fähigkeit: Scheitern als Überlebensstrategie

Schon zu Beginn der Menschheit konnte jeder Fehltritt, jeder gescheiterte Jagdversuch eine Lektion sein, die das Überleben beeinflussen konnte. Stellen wir uns einen Neandertaler vor, der stolz einen Speer schwingt, den er am „Black Friday” bei einem benachbarten Stamm aus dem Amazonasgebiet erworben hat. Nun, dieser Speer mag zwar günstig gewesen sein, aber wenn er beim entscheidenden Wurf auf das Mammut zerbrach, hatte das nicht nur unangenehme Auswirkungen auf das Abendessen – wie hätte er das den geladenen Gästen und vor allem seiner Frau erklären sollen? –, sondern beschleunigte oftmals auch den natürlichen Ausleseprozess für unseren unglücklichen Jäger. Die anderen, die das Desaster aus sicherer Entfernung beobachteten, hatten hingegen die Möglichkeit, daraus zu lernen. Sie verbesserten eventuell den Speer, zogen es in Betracht, den Lieferanten oder den Hersteller zu wechseln, oder begannen, die Waffen selbst herzustellen. So sicherten sie nicht nur ihr Abendessen, sondern auch das Überleben ihrer gesamten Sippe. Diese zugegebenermaßen stark vereinfachte Geschichte beantwortet vielleicht auch die Frage, warum die Neandertaler es nicht bis in die Neuzeit geschafft haben – mangelnde Fehlerkultur?

Wir Homo sapiens sind anders. Wir sind in der Lage, aus eigenem Scheitern – und einige von uns sogar aus dem Scheitern anderer – zu lernen. Man könnte uns als hochkomplexe Anpassungs- und Lernmaschinen bezeichnen. Jeder Rückschlag und jeder Stressmoment regt unser Gehirn dazu an, Veränderungen herbeizuführen und neue Wege zu suchen. Scheitern ist somit ein fundamentaler Impulsgeber für Veränderung und Entwicklung. Dabei ist der Umgang mit dem Scheitern genauso wichtig wie das Scheitern selbst.

In den frühen Tagen der Menschheit entschied das Scheitern vermutlich häufiger über Leben und Tod als heute. Damals war es also nicht nur vorteilhaft, sondern lebensnotwendig, schnell und intuitiv zu handeln. Diese Fähigkeit und Art zu denken haben wir uns bis heute bewahrt. Daniel Kahneman bezeichnet den entsprechenden Bereich unseres Gehirns als „System 1”.

Eine archaische Fähigkeit: Scheitern als Überlebensstrategie

Scheitern managen: Der wissenschaftliche Ansatz im Unternehmen

Unternehmen müssen dringend von der Wissenschaft lernen. Der rasante Wandel ist keine Bedrohung oder eine vorübergehende Erscheinung, die man aussitzen kann, sondern eine Einladung zur Transformation. Diese Herausforderung lässt sich jedoch nicht mit alten Rezepten meistern, sondern nur mit einem wissenschaftlichen Ansatz: Viele kleine Schritte, gezieltes Experimentieren und die Erkenntnis, dass Wandel nur auf einem Weg zu erreichen ist – durch Scheitern und daraus Lernen. Unternehmen müssen Scheitern als Kompass nutzen, um voranzukommen.

Kahneman unterscheidet zwei Arten des Denkens und ordnet ihnen zur besseren Verständlichkeit die Systeme „System 1” und „System 2” zu.

System 1 steht für das schnelle, automatische, intuitive und emotionale Denken, das ohne bewusste Anstrengung funktioniert und uns in die Lage versetzt, sofortige und gewohnheitsmäßige Entscheidungen zu treffen. So können wir beispielsweise auf eine Gefahr reagieren, basierend auf vergangenen Erfahrungen und Heuristiken.

System 2 steht für den langsamen, mühsamen und logischen Modus, in dem unser Gehirn arbeitet, wenn es komplexere Probleme löst, wie etwa die Optimierung einer Wurfwaffe.

Eine Erkenntnis, auf die wir später noch einmal zurückkommen werden, denn sie hat überraschende Relevanz für den modernen Arbeitsplatz.

Die Wissenschaft als Vorbild: Irrtümer als Wegbereiter

Die Wissenschaft ist das beste Beispiel dafür, wie aus vermeintlichem Scheitern bahnbrechende Erfolge entstehen können. Penicillin, Porzellan und sogar die Entdeckung des Urknalls – all diese Meilensteine waren keine geradlinigen Spaziergänge durch fehlerfreie Prozesse. Es waren Expeditionen, die von unzähligen gescheiterten Experimenten, unerwarteten Beobachtungen und dem beharrlichen Weitermachen trotz Rückschlägen geprägt waren.

Die Wissenschaft als Vorbild: Irrtümer als Wegbereiter

Stellen Sie sich vor, ein Wissenschaftler würde nach dem ersten misslungenen Experiment frustriert das Handtuch werfen. Der Fortschritt würde stagnieren oder gar im Keim erstickt werden! Fehler und widerlegte Annahmen sind der Treibstoff der Wissenschaft.

Sie treiben den Fortschritt voran. Sie zeigen uns nicht nur, was nicht funktioniert, sondern eröffnen gleichzeitig Türen zu völlig neuen Hypothesen und Ideen, die wir vorher eventuell nicht in Betracht gezogen hätten. Es ist eine unerbittliche und zugleich faszinierende Entdeckungsreise, auf der jeder gescheiterte Versuch wie ein Wegweiser ist. Auch wenn uns diese Reise manchmal in eine Sackgasse führt, dann nur, um uns zu zeigen, dass wir umdrehen müssen.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Labor, in dem Reagenzgläser dampfen, Bildschirme flimmern und das Knistern von Entdeckungen in der Luft liegt. Hier arbeiten Menschen mit einer Mischung aus kindlicher Neugier und eisernem Willen daran, Neues zu entdecken. Sie scheitern, lernen und passen an. Eine solche Einstellung ist für die Herausforderungen, mit denen Unternehmen tagtäglich konfrontiert sind, unerlässlich – und sie kann den notwendigen Fortschritt bewirken.

Entropie und Innovation: Das Potenzial im Chaos

Gemäß dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik strebt das Universum nach Verlust, Zerfall und Chaos, also einem Zustand maximaler Entropie. Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint dieser Gedanke aus unternehmerischer Perspektive fern der Realität. Berücksichtigt man jedoch, dass die Menschheit ihre größten Erfolge durch das Beobachten, Nachahmen und Ableiten von Entwicklungen in der Natur erzielt hat, lohnt es sich, auch über dieses Naturgesetz nachzudenken. Das Chaos und dessen Entstehen birgt ein enormes Innovationspotenzial für Unternehmen. Ein vermeintlicher Misserfolg, der zu einem ungeordneten System führt, kann zu einem unerwarteten Erfolg, einer Entdeckung oder einem Fortschritt führen, die in einem geordneten System niemals erzielt worden wären. Entropie, Scheitern und Chaos bedeuten also lediglich, dass es mehr Möglichkeiten gibt als in der geordneten Ausgangssituation. In dieser Erkenntnis steckt ein immenses Potenzial für Innovation und neue, ungewöhnliche Wege. Ein Scheitern zwingt uns, unsere Annahmen zu hinterfragen und den Blick für neue Lösungen zu öffnen. Es ist die Unordnung und das Scheitern, die Kreativität freisetzen.

Doch wie lässt sich Scheitern produktiv in die Unternehmenskultur integrieren?

Der erste Schritt besteht darin, Scheitern nicht als Tabu zu behandeln, sondern als wertvolle Informationsquelle zu betrachten. Der zweite Schritt ist das wiederholte und schnelle Scheitern. Dadurch entwickelt unser Gehirn feste Strategien, die es uns ermöglichen, mit Fehlern und dem Scheitern selbst umzugehen, ohne dass sich unser Gehirn dafür bewusst anstrengen muss. Es ist, als würden wir einen Muskel trainieren – einen Muskel für Resilienz und Innovation. Erinnern Sie sich an die Definition von System 1 laut Kahneman.

Natürlich kann Scheitern manchmal schlimme Konsequenzen haben, vor allem wenn man nicht erkennt, dass man schon gescheitert ist. Um dies zu verhindern, ist folgendes Vorgehen hilfreich:

 

  1. Gezieltes Experimentieren: Warten Sie nicht darauf, dass das Scheitern passiert, sondern führen Sie es gezielt herbei. Machen Sie Experimente mit klaren Erwartungen, Messpunkten und Ergebnissen. Dokumentieren Sie diese sorgfältig, um das Scheitern frühstmöglich zu erkennen und daraus zu lernen.
  2. Lernen aus dem „Nicht-Wissen“: Wenn ein Experiment scheitert, wissen wir oft mehr als zuvor. Wir wissen, dass es etwas gab, von dem wir nicht einmal wussten, dass wir es nicht wussten. Das ist ein immenser Wissenszugewinn. Versteht man die Gründe des Scheiterns, lassen sich Ideen, Strategien und Lösungen entwickeln. Dieser Wissenszuwachs ist das wahre Ergebnis und ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
  3. Positive Bewertung: Es gilt, eine Kultur zu schaffen und zu fördern, in der Menschen besser und produktiver mit Rückschlägen und Misserfolgen umgehen können. Das bedeutet, einen positiven Bewertungsstil zu etablieren. Rückschläge und Misserfolge sollten als Chance und nicht als Niederlage betrachtet werden. Belohnen Sie Misserfolge, denn wie unter Punkt 2 beschrieben, generieren sie Wissen.
  4. Transparenz und Kommunikation: Veröffentlichen Sie auch negative Ergebnisse im Unternehmen. Fördern Sie das Verständnis dafür, dass die Entwicklung von Ideen und Innovationen nicht geradlinig verläuft. Fehler sind Teil des Prozesses und sollten offen diskutiert werden, um gemeinsam daraus zu lernen. Die Vorstellung von einem Labor, in dem Wissenschaftler unermüdlich experimentieren, auch wenn die Ergebnisse nicht immer den Erwartungen entsprechen, kann dabei als Inspiration dienen.
  5. Subjektive Bewertung: Ob eine Situation als Scheitern verstanden wird oder nicht, ist eine Frage der Perspektive. Entscheidend ist unsere subjektive Bewertung des Scheiterns. Ist es ein Rückschlag oder eine Lektion? Jeder Misserfolg generiert Wissen, möglicherweise auch nur Wissen über das Nicht-Wissen.

Die Erfolgsformel: Bildung, Sicherheit und Netzwerk

Für die fortschreitende Entwicklung im Unternehmen und die produktive Nutzung von Scheitern sind drei Faktoren entscheidend:

  • Bildung: Investition in die kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden, damit diese die Fähigkeiten und das Mindset entwickeln, um mit Ungewissheit, Komplexität und Rückschlägen umzugehen.
  • Sichere Umgebung: Schaffung eines Umfelds, in dem sich Mitarbeitenden sicher fühlen, Fehler zu machen, ohne Angst vor Repressalien oder negativen Konsequenzen. Eine solche psychologische Sicherheit ist die Grundlage für Experimentierfreude.
  • Starkes soziales Netzwerk: Ein unterstützendes Team sowie ein starkes soziales Netzwerk innerhalb des Unternehmens helfen dabei, Rückschläge gemeinsam zu verarbeiten, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu motivieren. Soziale und ökonomische Sicherheit bilden die Basis für einen erfolgreichen und kontinuierlichen Wandel.

Machen Sie das Scheitern zum Erfolg und den Erfolg zur Gewohnheit. Denn am Ende ist es nicht der fehlerfreie Weg, der zum Ziel führt, sondern die mutige Bereitschaft, zu stolpern, aufzustehen und mit jeder Erfahrung ein Stück klüger zu werden.

Andreas Hildebrandt - Bilinbo
Verfasst von Andreas Hildebrandt
Als Ihr erfahrener Business Coach und IT-Experte begleite ich Führungskräfte, Unternehmer und Manager dabei, die digitale Transformation ihres Unternehmens erfolgreich zu meistern. Mein Ziel ist es, Sie dabei zu unterstützen, die notwendige digitale Souveränität aufzubauen, um die Widerstandsfähigkeit Ihres Unternehmens nachhaltig zu stärken, neue Chancen optimal zu nutzen und zukünftigen Herausforderungen proaktiv zu begegnen.